Wenn Journalismus Macht missbraucht

Gerade eben hat es eine PM des Deutschen Journalistenverbandes gegeben. Der DJV kritisiert die BILD-Zeitung. Zurecht.

Der BILD-Chefredakteur fordert seine Leser auf, in Print und online darüber „abzustimmen“, ob Deutschland Griechenland weiter unterstützen soll. Damit verlässt dieses Blatt, das sich erstaunlicherweise „Zeitung“ nennt, den Boden der journalistischen Arbeit und begibt sich in die Politik. Nun, das ist nichts neues. BILD schaffte es, den Bundespräsidenten abzuschießen, die Person völlig zu zerstören, Wahlen zu beeinflussen und sich auf den Standpunkt zustellen, dass dies alles legitim sei.

Legitim? Ja, es spricht kein Gesetz dagegen, das ist es, was man legal nennen würde.  Legitim? Damit müsste die BILD ein Mandat haben. Das Mandat, das in unserem Lande (zum großen Glück) noch durch Wahlen an Volksvertreter gegeben wird. Das hat dieses Blatt aber nicht.

Und es zeigt durch sein eigenes Griechenland-„Referendum“, dass es ein Mandat auch gar nicht braucht. Dieses Blatt macht. „Was ist schon dabei – jeder kann doch die Meinungsäußerung anderer Mitbürger aufrufen“, scheint seine Argumentation zu sein.  Doch da liegt der Haken. Petitionen schaffen Meinungen im Netz. Aber wer auch immer die Petition startet, hat in der Regel keinen direkten Vorteil vom Erfolg oder Misserfolg solcher Aufrufe.

Eine Zeitung, ein Sender hat jedoch sehr wohl einen Vorteil: die Verkaufszahlen steigen, die Einschaltquoten steigen, die Werbeeinnahmen steigen. Es ist also ganz egal, wie sich die aufgerufene Menge äußert: Das Medium hat auf jeden Fall schon mal einen finanziellen Vorteil. Und wo Geld ist, ist bekanntlich auch Macht.

Der DJV rügt die BILD-Zeitung. Sogar diese Rüge ist für das Blatt ein Gewinn. Menschen echauffieren sich darüber – so auch ich – und damit gibt es einen Sturm im Netz, der dem Blatt nur gelegen kommt. Egal, wie sich die Diskussion entwickelt – der einzige Gewinner steht jetzt schon fest!
Die Medien sehe ich – und bin damit nicht die einzige Journalistin – als die vierte Macht im Staate. Die Medien sollen genau hinschauen, Dinge hinterfragen, aufdecken, alle Seiten hören und darstellen.

Doch die BILD missbraucht diese Macht, um Geld zu machen. Nicht viel anderes steht hinter dieser und einiger ähnlicher Aktionen. Und nun kommt das Problem: Je mehr sich einzelne Medien über die ethischen Grundsätze des Journalismus erheben, sie für sich neu definieren und rücksichtslos dagegen agieren, desto schneller und lauter werden die Stimmen werden, die eine Einschränkung der Pressefreiheit fordern. Und wir Journalistinnen und Journalisten sehen gerade bei diesem Prozess zu.

Reicht es, wenn der Journalismus in Deutschland zuschaut?

 

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Lob des guten Journalisten

Was ist PR? PR ist die Kunst, Empfehler aufzubauen.

Wenig erstaunlich: spielt doch dabei die Wertigkeit des Empfehlers die herausragende Rolle. Es kommt darauf an, ob der Empfehler bei jenen, die seine Empfehlung annehmen sollen, einen guten Ruf hat. Nur ein guter Empfehler ist ein sinnvoller Empfehler.
Was sind gute Empfehler? In der Regel sind gute Empfehler Menschen mit eigener Meinung. Menschen, die sich neutral ein Bild von etwas machen und ihre Meinung unverblümt wiedergeben. Gute Empfehler sind Menschen, denen die Zielgruppe zutraut, sich eine eigene Meinung zu bilden und dies aufgrund echter, ehrlicher Recherche oder eigenem Erleben in Kombination mit der kritischen Grundhaltung gegenüber Thema oder Produkt tut.

Je unbestechlicher der Empfehler, desto höher steht er im Ranking derjenigen, die die PR zu erreichen sucht. Der gut recherchierende, unbestechliche Journalist, die kritische und ehrliche Journalistin sind die Lichtgestalten sämtlicher Leser, Hörerinnen, Zuschauer…

Und jetzt tritt die Paradoxie der Vorgehensweise vieler Öffentlichkeitsarbeiter zutage: Man sucht die Nähe solcher Lichtgestalten – mit dem Ziel, sie soweit zu beeinflussen, dass sie aufhören kritisch zu sein, aufhören auch die Gegenseite wahrzunehmen, aufhören ihre eigene Meinung zu vertreten. Handzahm sollen sie werden, die Empfehler. Leicht lenkbar. Und wenn sie trotz der vielen Zeit, die ihnen die PRler der Firma XY widmen, trotz der Einladung zum Abendessen und der Übergabe von Gastgeschenken keine Blumengesänge ablassen, keine Huldigungen veröffentlichen, dann… ja dann wendet man sich gerne auch mal an deren Chefin, an den Ressortleiter oder die Anzeigenabteilung und entzieht dem bösen Blatt die Anzeigen, der undankbaren Journalistin das Vertrauen und dem Chef die Einladung zur Golfpartie.

Im ungünstigsten Fall hat dies zur Folge, dass das Medium einknickt, dass die journalistische Sicht von außen durch handzahme Hofberichterstattung bezüglich der Firma XY abgelöst wird. Dann strahlt zwar die Chefetage der verantwortlichen PR-Abteilung, aber damit hat gerade eben die PR ihre Empfehler getötet.

Wie lange wird es wohl dauern, bis das Vertrauen der Leser, Hörer, Zuschauer in die Medien, die sie umgeben völlig zerstört ist? Immer öfter stellt sich ehraus, dass Artikel gekauft sind, Meinungen erpresst sind, dass „kritische Journalisten“ als Berater für die Öffentlichkeitsarbeit von Firmen bezahlt werden. Solche Vorgehensweisen sind die Baggerschaufeln an den Gräbern des Journalismus und der PR. Die PR braucht starke Journalistinnen und Journalisten. Die PR braucht eine Chefetage im eigenen Haus, die versteht, was die Besonderheit der PR ist und sich davor zurückhält, unliebsame Kritik mit Druckmitteln auslöschen zu wollen.

Zwei Dinge sollte man Empfehlern gegenüber nie anwenden: Macht und Geld. Und zwei Dinge sollten gute Journalisten niemals tun: In dem Bereich, in dem sie journalistisch arbeiten auch in der Öffentlichkeitsarbeit für Auftraggeber zu arbeiten. Und sie sollten niemals für einen Beitrag nur eine Seite wahrnehmen.